Wenn mich das Leben eines gelehrt hat, dann das:
Immer, wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, verpasst man den Bus.
Martinez Bramarbas
Eine andere Sichtweise. Echt Hammer!
Wenn mich das Leben eines gelehrt hat, dann das:
Immer, wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, verpasst man den Bus.
Martinez Bramarbas
Mort war ein überdurchschnittlich normaler 16jähriger.
Soweit die gute Nachricht.
Wenn einem oder zwei meiner werten Leser dieser erste Satz gefallen hat, dann möchte ich für sie auf hunderte amüsanter Jugendromane verweisen, die ich ihnen empfehlen könnte. Vielleicht nicht wirklich empfehlen, aber dennoch als nervenschonende Alternative für Langweiler vorschlagen.
Für all die anderen Leser, die das Abenteuer suchen, und bei der Einleitung schon gähnen und sagen (oder zumindest denken, wenn sie nicht so gerne mit sich selber reden), „Gähn. Normal. Klingt ja nicht weltbewegend aufregend. Normalheit ist langweilig, und Langeweile ist das schlimmste, was es gibt. Mal sehen, was im Fernsehen läuft.“ Und während sie sich fragen, ob das Wort „Normalheit“ überhaupt existiert, sind sie sich der Tatsache vollkommen unbewusst, dass es immer noch schlimmer kommen kann.
Auf die Gefahr hin, all die Leser, die auf Spannung aus waren, zu verlieren, werde ich doch mit dem langweiligen Teil von Morts Leben beginnen. Zum einen, um die chronolgische Abfolge der Ereignisse in Morts Leben korrekt beizubehalten, und zum anderen, weil niemand den langweiligen Teil lesen will, nachdem der spannende schon vorbei ist – niemand, außer der Sorte von Menschen, die bei Krimis kurioserweise das Ende zuerst lesen, oder Arabern, die sowieso alles verkehrt lesen, aber darum geht’s ja jetzt wirklich nicht.
Mort war also ein so unsäglich normaler Mensch, dass wohl niemand auch nur im Entferntesten über die Erwägung eines Gedankens daran, ein Buch über ihn zu schreiben, nachgedacht hätte. Doch wie sehr wäre, meine lieben Leser, so eine langweilige Schwarte der Geschichte, welche diese hier noch zu werden droht, vorzuziehen. Es mag langweilig sein, aber wenigstens sicher.
Harold Mortison war ein Junge in seinen besten Jahren, kurz vor seinen schlechtesten. Er besuchte gezwungenermaßen ein Gymnasium in einer kleinen europäischen Stadt, deren Name nicht genannt werden darf. Nein wirklich, das darf er nicht, es wurde ihm verboten. Seine Freunde, und eigentlich auch alle anderen, nannten ihn Mort, weil es leichter über die Lippen geht beziehungsweise zu buchstabieren ist. Sein Aussehen ließe sich mit drei Wörtern zur Genüge beschreiben – blond, groß und dünn; wobei mir gerade aufgefallen ist, dass man die beiden letzten Adjektive bestimmt auch in einem einzigen ausdrücken könnte, wenn man sich damit näher befassen und darüber nachdenken wollte. Einigen romantischen oder optimistischen Leserinnen und Lesern mag diese Beschreibung recht hübsch erscheinen, aber lasst mich euch darauf hinweisen, dass dieselbe auch auf den Großteil unserer Besen zutrifft.
… nächstes Mal fängt die Geschichte an. Versprochen.
Mort hasste, wie sein bester Freund Sidney und die meisten anderen auch, die Schule. Dafür wussten sie dieselbe allerdings zu vermeiden, oder zumindest, wie man sich die Zeit dort erträglich machen konnte. Vermieden werden konnte sie auf die verschiedensten Arten. Zum Beispiel einfach nicht hinzugehen, was ihnen jedoch ausnahmslos Ärger einhandelte, oder auch indem sie sich die fantasievollsten Pläne und Ausreden einfallen ließen (was ihnen noch mehr Ärger brachte, wenn sie ertappt wurden).
Die Zeit in der Schule wurde für Mort von Victoria Fox versüßt, die seiner Meinung nach relativ gut aussah, ihn aber leider ignorierte; und durch die vielen unterhaltsamen kleinen Dinge, die man zum Beispiel in einer Freistunde mit Gummibären und dem Overhead-Projektor anstellen konnte. Victoria und der Projektor brachten zwar noch mehr Ärger mit sich als das vorsätzliche Versäumen von Schulstunden, aber es waren nunmal eben diese Kleinigkeiten, die einem die Lust am Leben erhielten.
In ihrer Freizeit, die Mort und Sidney vorzugsweise zusammen vergeudeten, überlegten sie meistens, was sie gegen die unsägliche Langeweile, die in der Freizeit entstand, tun konnten, oder, wie man Gummibären möglichst spurlos von einer Tafel abkratzen kann. Wenn sie im Zuge der ersteren Überlegungen Ergebnisse erzielen konnten, so endete dies oft sehr gefährlich für sie selbst und ihre Mitmenschen. Die freiwillige Feuerwehr fuhr gerne und oft zu Morts Haus, um in der Nähe zu sein, wenn etwas passierte, oder einfach nur um spottend daran vorbeizufahren.
„Das machen die nur, um uns zu verspotten“, sagte Sidney zu Mort, der auf dem Boden seines Zimmers saß und zeichnete. Mort antwortete nicht, was seinem Freund nichts ausmachte, denn er war daran gewöhnt. Dafür redete er selbst gern umso mehr.
„Ich denke schon, dass wir einen Flammenwerfer brauchen.“, fuhr er fort, während er Morts Zeichnungen betrachtete.
„Wieso?“, fragte Mort.
„Weil Flammenwerfer viel zu cool sind, um nicht gebraucht zu werden.“ Sidney redete relativ viel, aber er dachte umso weniger. Was nicht heißen soll, dass Mort viel dachte. Vielmehr hatte er eher Schwierigkeiten, einer Konversation zu folgen, und zog es daher vor, sie auf seiner Seite zu verkürzen. Trotzdem wusste Sid, dass Mort auch seiner Meinung war. Er verstand ihn ohne Worte.
Detailreich zeichnete Mort den Flammenwerfer an die Seite der Seifenkiste. Schließlich betrachtete er den Entwurf. Er stellte sich das ganze vor. Ihm fiel etwas auf.
„Würde dabei der Fahrtwind nicht die Flammen uns selbst ins Gesicht blasen?“, machte er Sidney aufmerksam.
Sid bückte sich um die Zeichnung zu sehen. Er versuchte es sich vorzustellen. Sein Grinsen fror kurz ein und fiel dann zu einem Ausdruck von Ratlosigkeit zusammen.
„Vergiss den Flammenwerfer“, sagte er.
Mort griff nach dem Radiergummi. Es war nicht mehr viel davon übrig.
„Dafür haben wir mehr Platz für die Getränkehalter.“, fuhr Sid fort und fügte gleich hinzu: „Und mach die Boxen ein bisschen größer.“
Das würde eine verdammt coole Seifenkiste werden.
Zumindest dachten das Mort und Sidney; und die Seifenkiste wäre wohl auch verdammt cool geworden, wäre sie rechtzeitig fertig geworden. So steht sie aber leider immer noch da, wo Mort sie später stehen lassen würde, halb fertig und mit einigen Blutflecken an der Unterseite. In dem Moment dachten die beiden allerdings nur an diese Seifenkiste, und vielleicht an Victoria.
Am nächsten Tag, es war ein Samstag, musste Mort in einem kleinen Laden in der Altstadt als Ferienjob arbeiten, um Geld für ein Geburtstagsgeschenk für Victoria zu verdienen. Ja, das mag romantisch klingen, aber in Wirklichkeit ist so etwas doch eher peinlich, zumal ihn die Betroffene immer wieder freundlich, aber bestimmt abservierte.
So erschien es jedenfalls Mort, der gerne und an allem zweifelte. Was er noch lieber tat, war, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und sich darin zu verlieren. So driftete er des öfteren für unbestimmte Zeit in einen sehr seltsamen Tagtraum ab, besonders bei seiner Arbeit in diesem Souvenirladen. Er stand da, die Augen verklärt geradeaus, während die amerikanischen und italienischen Touristen kleine Glöckchen an Schnüren unbemerkt in ihren Sakkoinnentaschen oder Unterhosen verschwinden ließen (anstatt, wie man es eigentlich machen sollte, vier Euro neunzig dafür zu bezahlen).
Mort war es ziemlich egal. Für ihn war Langeweile das Schrecklichste, was er sich vorstellen konnte, und in diesen Tagträumen konnte er sich so einiges Vorstellen. Dabei ging es aber meistens darum, dass er als heroische Hauptfigur die Welt oder Victoria Fox oder alle beide rettete. So etwas sah dann, wie ich zufällig weiß, aus wie folgt:
Ein Grizzlybär erschien vor der Tür und versuchte, den Laden zu betreten. Er war zu groß. Er erwischte nur drei Italiener, die zu nahe am Eingang standen. Aufgrund der Nichtexistenz des Interesses an Verlust seines Arbeitsplatzes, das ja daher kam, dass er Geld für Victorias Geschenk dringend brauchte, musste Mort sich trotzdem einen Weg überlegen, den Grizzly loszuwerden. Also sah er sich im Geschäft nach einer potentiellen Waffe um, während er die kleptomanischen Kunden im Auge behielt (er war sich nicht sicher, wie er gleichzeitig etwas im Auge behalten und sich umsehen konnte; genausowenig, wie er wusste, wie ein Grizzlybär hierher kam. Ein einfacher Braunbär wäre plausibler gewesen.).
Doch da kam ihm eine bessere Idee. Er packte einen der grünen Jodelbären, die er so sehr hasste, und warf dem Bären den Teddy an den Kopf. Schlagartig änderte sich dessen Gesichtsaudruck und wurde weich; er nahm den Teddy zärtlich auf, woraufhin selbiger herzhaft jodelte. Liebevoll drückte der echte, riesige Bär seinen winzigen Stoffkameraden an sich.
Falls ihr euch jetzt denken solltet, „Wie süß, er hat sich nach einem Gefährten gesehnt, und jetzt geht er bestimmt zurück in den Wald um glücklich und zufrieden bis an sein fernes, friedliches Ende zu leben“, dann muss ich euch leider mitteilen, dass dem nicht so war. Des Weiteren möchte ich euch mitteilen, dass ihr in einer euphemischen Märchenwelt lebt und vielleicht eure Bezüge zur Realität überprüfen solltet. In Wirklichkeit, wusste Mort, bleibt ein Bär leider immer ein Bär. Darum nutzte er dessen kurze Unaufmerksamkeit, um ihm kräftig in den Magen zu boxen. Das Tier war so überrascht, dass es kurz zusammenklappte. Als es sich wieder aufrichten wollte, um zu einem zerschmetternden Prankenhieb auszuholen, schlug es sich den Kopf am Türrahmen an. Mort schleifte den Grizzly in seiner Bewusstlosigkeit zum Inn und ertränkte ihn, bevor er nennenswerten Schaden anrichten konnte.
Zurück im Geschäft, verkaufte er in der letzten Viertelstunde seiner Schicht eine teure Kuckucksuhr an einen netten Schweizer. Der Chef gab ihm einen saftigen Zuschlag.
Dann erwachte Mort, blinzelte, sah auf die Uhr und packte langsam seine Sachen.
Dann erwachte Mort, blinzelte, sah auf die Uhr und packte langsam seine Sachen.
Auf dem Heimweg überlegte er kurz, was er Victoria von dem Geld kaufen würde, dann vermischten sich wieder Traum und Realität, während seine Beine ihn in somnambuler Sicherheit zur Busstation beförderten.
Aus den Augenwinkeln (wo er seiner Meinung nach noch immer so gut sah wie andere Leute geradeaus) sah er, wie ein schwerer Chevrolet auf seine Victoria zufuhr. Der Fahrer hatte sich gerade gebückt, um etwas im Auto suchen, und jeder weiß, dass man das WÄHREND DES FAHRENS NICHT TUN DARF! Das ist dumm, gefährlich und unhöflich! Vor allem mit 30 km/h in der Innenstadt! Mort überlegt also, springt vors Auto, zieht seine Smith&Wesson und schießt dem Lenker des Vehikles genau zwischen die Augen. Doch der bleibt ungeachtet der Warnung nicht stehen! Kühn und geistesgegenwärtig wie immer hebt unser Held also…
Hier wurde die Handlung kurz von einem realen Sinneseindruck unterbrochen, als Mort etwas in einem Schaufenster sah, von dem er glaubte, dass es Victoria gefallen könnte. Wie immer zweifelte er jedoch stark daran. Also ging er weiter und war sofort wieder weggetreten.
Geistesgegenwärtig wie immer hebt er nun das Mädchen hoch in die Luft, über die Höhe des Autodaches, wird überfahren, Vicky wird übers Auto geschleudert, steht unversehrt da. Er ist Matsch, aber wahre Männer halten das aus. Sie schenkt ihm tausend Euro und ihre ewige Liebe.
Inzwischen war Mort an der Bushaltestelle angekommen, und er sah den Bus kommen, als er keine Idee mehr hatte, wie seine Geschichte weitergehen hätte können.
Er stieg ein, durchsuchte seine Taschen nach dem Wochenticket und befürchtete, es verloren zu haben. Nach tagelangen Untersuchungen von Jeans und Tests mit Menschenaffen weiß ich nun, dass er mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 13 nicht verloren hatte, sondern es nur in seiner Tasche tief nach unten, möglicherweise in die Brieftasche gesunken war. Jedenfalls musste Mort sich ein neues kaufen.
Er setzte sich an einen Fensterplatz im hinteren Teil des Busses, und starrte aus dem Fenster. Während die Welt, gleich wie an jedem Tag, aber verregneter als sonst, was mit dem Herbst zu tun hatte, an ihm vorbeizog, versank er wieder unmittelbar in allerlei Gedanken.
Auf der Europabrücke wurde der Bus plötzlich von einem Windstoß erfasst, gegen die Leitplanke geschleudert, hinten aufgehoben, und über das Brückengeländer geworfen.
Die Insassen schrien, aber Mort behielt natürlich einen klaren Kopf und arbeitete einen Plan aus, während der Bus sich sieben Mal überschlug und er dabei jedesmal mit dem Kopf gegen das Busdach stieß. Das ist nicht einfach.
Als sich der Bus zum siebten Mal mit der Unterseite nach oben drehte, war er schon fast auf Höhe der Baumspitzen, und als er seinen Fall fortsetzte, um den Gesetzen der Schwerkraft Folge zu leisten, riss er, indem er sich weiter neigte, die Äste links und rechts mit. Einige Fenster zersplitterten.
Von seinem Sitzplatz aus, der sich ja weit hinten im Bus befand, konnte er mit ansehen, wie die Spitze des Busses gegen den Boden gedrückt wurde. Das Metall wellte sich und die Scherben sowie das Blut des Busfahrers spritzten in seine Richtung, nach oben. Der Boden war, wie es him gebührte, im Weg, um den Fall zu stoppen, doch der Bus hielt nicht an. Immer weiter drückte er sich in den Boden; und der Boden in den Bus. Das alles freilich in einer Geschwindigkeit, dass nur Mort es bewusst mitbekommen konnte. Die meißten Insassen waren zu dem Zeitpunkt bereits tot; waren von Glassplittern getroffen oder von einen gnädigen Herzinfarkt dahingerafft worden.
Mort zerrte sich ans Fenster, das schon von einem Ast zertrümmert war, und stieß sich so kräftig er konnte vom Fensterrahmen weg hinaus, nach oben. Ich habe mich selbst immer gefragt, ob das funktioniert – kurz vor dem Aufprall zu springen.
Nun, es funktioniert.
Unvorteilhafterweise, nachdem sich das Fenster, aus dem er gesprungen war, geschlossen hatte, indem der Fensterrahmen mit dem Rest des Busses in den Erdboden gerammt wurde, explodierte das Fahrzeug.
Mort konnte die Hitze fühlen, und den Schmerz. Große brennende Metallteile zischten an ihm vorbei, und ein Feuersturm warf ihn weiter in die Richtung, in die er gesprungen war. Die Botanik im Umkreis von hundert Metern war verbrannt, und Mort selbst hatte anschließend ein leises Pfeifen im linken Ohr.
Der Bus kam an und das Pfeifen hörte auf.
Am schlimmsten, fand Mort, waren seine fantastischen Abenteuer jedoch, wenn er versuchte, einzuschlafen. Oft kam es ihm wie Stunden vor, manchmal waren es auch welche. Die langweiligsten Stunden überhaupt. Ihm wurde geraten, seine Gedanken wie einen Fernseher abzustellen, doch er konnte die Fernbedienung nicht finden. Leider hing Morts mentaler Fernsehapparat ständig auf einem Sender fest, den irgendein böswilliger Teil seines Gehirns vorzugeben schien. Und immer war der Sender unpassend und hielt ihn von seiner wohlverdienten Nachtruhe ab. Einer der Sender war Fox, und natürlich ging es dabei meistens um Victoria Fox. Diesen Kanal mochte Mort relativ gerne.
Wenn er zuvor jedoch im echten Fernsehen einen Horrorstreifen gesehen, ein unheimliches Buch gelesen, oder eine Pizza mit Anchovis gegessen hatte, dann liefen vor seinem geistigen Auge die schrecklichsten Szenarios ab. Die ließen ihn dann zitternd aufpassen, dass ja kein Körperteil unter der schützenden Bettdecke hervorragte, anstatt friedlich zu schlafen. Er hasste diesen Kanal und nannte ihn den Kanal, den er hasste; und der Kanal hasste ihn.
Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht.
Er hatte Angst.
Neben ihm lag eine Leiche.
Schweißgebadet versuchte er die letzten unglaublichen Momente zu reflektieren, doch es fiel ihm schwer.
Da waren langsame, keuchende Geräusche vor der Zimmertür gewesen. Sie kamen näher. Jemand stand da draußen. Wer war es? Wer kommt um Mitternacht und schlurft?
Er wusste es auch jetzt noch nicht, aber sein Herz pumpte das Blut so schnell durch seinen Kreislauf, dass er umgefallen wäre, hätte er nicht bereits im Bett gelegen.
Er hatte schneller zu atmen begonnen und ihm wurde schlecht. Kam das von der Aufregung allein oder auch von dem modrigen Geruch, der den Raum allmählich gefüllt hatte?
Unter leisen Kratz- und Stöhngeräuschen war die Tür schließlich aufgeschwungen und schemenhaft schob sich ein Arm wie ein pilzbefallener Ast in Morts Blickfeld. Das Röcheln wurde lauter, und Mort hätte eigentlich sehr gerne weggeschaut, am liebsten den Fernseher abgeschaltet, doch das war unmöglich.
Der Zombie starrte ihn an.
Das können Zombies besonders gut, wobei dieser hier insgesamt nur ein halbes Auge besaß.
Die Leiche setzte einen Fuß nach vorne. Als das Ding sein Gewicht verlagerte, fielen kleine faulige Fleischfetzten und verschieden Arten Ekel erregender flügelloser Insekten zu Boden.
Er kam auf Mort zu!
Dieser fand vor Angst kaum die Kraft, zurückzuweichen und sich an die Wand zu pressen.
Er kam noch näher!
Dankbar fühlte Mort, schwitzend und nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, wie sein Bewusstsein langsam von seinen Urinstinkten, die jetzt von ihm Besitz ergriffen, vernebelt wurde.
Flucht oder Kampf.
Flucht war nicht drin, also griff Mort den Zombie an. Das angestaute Adrenalin verwandelte die Angst in Zorn und Kraft, sodass Mort dem Untoten blitzschnell und überraschend entgegensprang, die knochigen Fäuste hoch erhoben.
Doch der Untote war noch viel blitzschneller und überraschender. Er fing seinen Angreifer ohne erkennbare Anstrengung ab (nicht, dass man bei einem Zombie je den Ausdruck von Anstrengung erkennen könnte). Einige weitere Bestandteile seiner Anatomie verabschiedeten sich, doch daran schien er sich auch nicht mehr zu stören. Mit eisernem Griff hielt er Morts Arm fest.
Genau in diesem Moment entschied sich dessen Urinstinkt feige, aber klug, ihn wieder zu verlassen, um es Mort mit wiedererlangter Klarheit mit ansehen zu lassen, wie der Zombie sich beugte und ihm in den Arm biss.
Obschon er wegen des Blutes, das hervorquoll, nicht viel erkennen konnte, spürte er deutlich, wie die porös wirkenden Kiefer mit ungeahnter Kraft die Zähne in sein Fleisch trieben, bis hin zur Elle, welche leise splitterte. Es schmatzte unappetitlich und der Zombie grunzte genüsslich, als er das Maul wieder öffnete, um erneut mit voller Kraft zuzubeißen. Offenbar im Willen, den Arm vollständig abzutrennen.
Gleichzeitig hatte Mort mit seinem freien Arm etwas ertastet. Ein Kabel. Bevor er einen Gedanken, den Zombie damit zu würgen, auch nur einer Überlegung zu würdigen gedenken konnte, schloss sich der tote Mund wieder um sein Handgelenk. Mort riss aus einem Reflex heraus seinen freien Arm hinüber, wo sich gleich wieder die Zahnstummel in sein Fleisch bohren würden.
Diesmal rettete ihn sein Instinkt.
Das Kabel, und zwar das vom Netzstecker zur Steckdose, wie er nun wusste, geriet zufälligerweise zwischen die Zähne des Untoten und den Arm, in den er beißen wollte. Dabei musste der Zombie wohl das Meiste abbekommen haben, denn er wechselte geräuschvoll in den Zustand, der Toten gebührt, nämlich tot.
Jetzt stellten sich für Mort einige beunruhigende Fragen.
Wo war der hergekommen?
Gab es dort noch mehr?
Was würde mit seinem Arm geschehen?
Und was war das eben für ein Geräusch?
Am nächsten Morgen war Mort sehr sehr müde, und dass die Leiche am Boden seines Zimmers sich in einen Haufen von Kleidung und sehr alter Essensreste verwandelt haben zu schien, konnte seine Stimmung auch kaum heben. Es war Sonntag, und er musste wieder in die Stadt fahren, um zu arbeiten; außerdem hatte er eine erschreckend große Menge an Hausaufgaben zu erledigen, wie er zuvor noch schlaftrunken bemerkte. Mort mochte Sonntage nicht, denn auf diese folgten für gewöhnlich Montage, und wer mag schon Montage?
Die darauf folgenden Wochen sollten nicht besser werden, und auch die besagten kleinen Dinge, auf die er sich freuen konnte, schienen nun rar zu werden wie die Blätter an den Bäumen.
In den darauf folgenden Wochen erbarmte sich die Zeit und verging etwas schneller.
Mort hatte jetzt einhundertdreiundneunzig Euro gespart, aber noch keine Ahnung, was er Victoria davon kaufen würde. Dadurch wurde das Geld allmählich weniger, weil er es nach und nach für diverse Viktualien ausgab.
Sieben Tage vor ihrem Geburtstag, Anfang Dezember, traf er sich dann mit Sidney in einem Einkaufszentrum, da beide sich entgültig für Geschenke entscheiden wollten. Mort hatte noch 105 Euro übrig. Er aß gerne und oft, besonders Sushi. Und das ist nicht gerade billig, wo er herkam.
„Wie viel hast du?“, fragte Sid.
„Einhundertundfünf Euro.“, sagte Mort, „und du?“
„Achtundreißig neunzig“, sagte Sidney und wurde rot. Er hatte gehofft, es würde reiche, ein paar Wochen lang das Taschengeld zu sparen, doch wie er erfahren musste, war das mit all den unumgänglichen Ausgaben, die ständig anfielen, doch eher problematisch. Aber wie sollte man auch auf zwei Dutzend Sake Maki verzichten, wenn man von Mort zum Japaner geschleppt wurde?
„Wo fangen wir an?“, fragte er seinen Freund.
„Beim Japaner?“, schlug Mort vor.
„Okay.“, sagte Sidney, und sie gingen zu Kenzi.
Vielleicht mag es für zwei Teenager eher ungewöhnlich sein, mindestens einmal pro Woche Sushi essen zu gehen, zumal es nicht einmal besonders gutes Sushi war. Jedenfalls besser als McDonalds. Versucht es mal! (Und vergesst den Wasabi nicht).
„Zwei Dutzend Sake Maki.“, sagte Sidney.
„Viel Wasabi“, fügte Mort hinzu.
Der Kellner sagte, lächelnd wie immer, „Mochiron-desu“, und als er sich wegdrehte, leise „ahondara ya de“. Mort nahm an, dass es nicht sehr höflich war, doch er dachte nicht lange darüber nach.
„Ich glaubs einfach nicht, dass du mich schon wieder dazu überredet hast!“, verkündete Sidney schlecht gelaunt, während er versuchte, sich auszurechnen, wie viel Geld ihm noch blieb. Mort machte sich nicht die Mühe, sich zu ereifern, dass Sidney ja keinerlei Einwände gezeigt hatte. Er zuckte nur mit den Schultern und zog seine Stäbchen aus dem Papier.
Eine halbe Stunde später wollten sie sich, jeder um hundert Gramm Sushi schwerer und zwanzig Euro leichter, wieder auf den Weg machen. Doch der japanische Kellner kam noch einmal angelaufen, ein kleines Tablett in der Hand.
„Moment,“, sagte er, „nehmen Glückskeks.“
„Glückskeks? Ist das nicht chinesisch?“, meinte Mort.
„China, Japan, alles gleich. Ich mag Glückskekse.“, erwiderte Sidney.
„Nehmen Glückskeks!“
Es klang nicht mehr wie ein freundlicher Vorschlag, also nahm Mort einen der Kekse vom Tablett.
„Nein!“, rief der Kellner und schlug ihm den Keks wieder aus der Hand. „Anderer!“
Mort war es leid, sich zu wundern, und nahm gedankenlos den anderen Glückskeks.
Sid nahm sich den anderen Keks, den sein Freund fallen gelassen hatte, und brach ihn auf.
„Was zur… Du wirst eines frühen, schrecklichen Todes sterben.“, las er vor.
„Ja klar!“, lachte Mort. „Zeig mal.“
Tonlos reichte Sidney ihm den Zettel. Kurz hörte Mort auf zu lachen, dann brach er erneut aus. Sid konnte sich nun auch nicht mehr halten.
„Genialer Spruch!“, meinte er. „Wirklich kreativ. Was steht auf deinem?“
Mort brach den Keks um das längliche Stück Papier herauszuholen.
„Dein bester Freund muss in naher Zukunft seinen letzten Atem tun.“
Einige Sekunden lang herrschte Stille (bis auf die Miso-Suppe, die im Hintergrund kochte; die machte Geräusche wie kochende Suppe).
„Das heißt soviel wie ‚sterben’.“, erklärte Mort.
„Woah! Unheimlich!“
Es war tatsächlich kurios.
Irgendwann entschlossen beide, dass es sich um japanischen Humor handeln musste, den sie beide nicht kannten und vermuteten, ihn nicht zu verstehen.
Ohne zu wissen, warum, drehte Mort den Zettel um.
Ink Inc. Offenbar der Name der Firma, die die Kekse herstellte.
Mort steckte den Keks nachdenklich ein.
„Dann schlag du jetzt was vor.“, bot Mort seinem Freund an.
„Gut.“, meinte er.
„Gut.“, wiederholte Mort.
Eine Minute lang gingen sie einfach nur im Einkaufszentrum im Kreis, um nicht zu stehen.
„Also?“, fragte Mort nach, „wo willst du hin?“
Sidney war mit seinen Gedanken sichtlich weit von der ursprünglichen Frage entfernt und zeigte verwirrt auf den ersten Laden, den er sah.
„Harper Image?“
Sid sah, dass Mort recht hatte.
„Ja, Harper Image.“
Eine dubiose Gestalt verscherbelte hier gebrauchte und vermutlich vermisste Gegenstände, die sich als Geschenk für ein Mädchen kaum mehr als eine Boxershort oder eine explodierende Zigarre eigneten. Sie teilten sich in dem kleinen, vollgestopften Laden auf, und jeder sah sich den ganzen Kram genau an. Gelegentlich schalteten sie etwas davon ein, das dann oft Geräusche machte, die die Gestalt hinter dem Tresen schlecht gelaunt kommentierte. Stillt grinsend schlurfte Mort den Regalen entlang.
Ein Gürtel mit Display, auf dem man eigene Nachrichten eingeben und anzeigen konnte. Im Ernst, wer kauft sowas?
Die Fingernagelfeilmaschine „Nailmaid“. Praktisch, aber keine sechzig Euro wert. Außerdem hätte Victoria es ja falsch auffassen können, wenn er ihr Kosmetikartikel schenkte. Nein, das konnte er auf keinen Fall riskieren.
Eine Brieftasche aus echtem Krokodilleder. Eindeutig nicht echt. Viel zu billig.
Ein Massagesessel. Zu teuer, viel zu teuer.
Den Großteil des Plunders hatte er schon begutachtet, weshalb er die Gelegenheit nutzte, um zu zweifeln. Er zweifelte, wie viel Geld er ausgeben sollte. Er zweifelte, ob er überhaupt etwas brauchbares finden würde. Er zweifelte daran, dass seine Zweifel irgendwie von Nutzen waren, und versuchte, sich das Zweifeln abzugewöhnen, doch er verzweifelte.
Da sah er endlich ein potentielles Geburtstagsgeschenk. Es war nicht, wie man es sonst oft in Geschichten ließt oder im Fernsehen sieht, das perfekte Geschenk, von dem er sofort wusste, das würde es sein und kein anderes. Es war vielmehr im Gegensatz zu all dem anderen Zeug nicht absolut peinlich oder viel zu teuer, oder beides. Es war okay, fand Mort.
Er kaufte ein Walkie-Talkie-Uhren Set mit den Rest seines Vermögens. Voll funktionsfähige Walkie-Talkies in der Größe von Armbanduhren, arbeitend auf dem Frequenzbereich des Bandes 70cm UHF 446 MHz – zugelassen in fast allen Ländern Europas. Mort konnte es kaum weniger interessieren, welche Länder das waren. Wichtig war nur, dass laut Beschreibung auf dieser Frequenz niemand ein Gespräch stören konnte, und dass die Dinger fünf Kilometer Reichweite hatten. Das war genug. Er würde eines davon natürlich ihr schenken, und das zweite behalten. Ziemlich gut, sagte er sich.
„Ist ja Wahnsinn!“, rief Sidney hinter ihm, „Echtes Krokodilleder!“
Auch er hatte sein Geschenk gefunden.
Zufrieden verließen sie das Kaufhaus.
Leider, wie ich meinen Lesern nicht länger dramatisch vorenthalten möchte, war Mort nicht zu der Party eingeladen. Leider, vielleicht aber auch zum Glück, wie Mort zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte.
Sidney war empört. „Unglaublich! Erst dich nicht einzuladen, und dann auch noch eine auf Tierschützerin zu machen! Woher sollte ich denn wissen, dass sie es abartig findet, wenn Krokodile sterben müssen um zu Taschen verarbeitet zu werden! Sie muss mir doch wirklich nicht gleich die Geldtasche nachwerfen! Wird ja wohl ein bisschen Überheblich, was glaubt…“
Mort musste, so lieb sein Freund ihm auch war, zum ersten Mal seit einer Woche lachen.
„ …die denn, nur weil sie halbwegs…“
Als ihm klar geworden war, dass er nicht eingeladen war, verfiel er in eine schwere Depression, trank vier Tage lang nur Coke mit Lime und sah fern, und schenkte schließlich das zweite Walkie-Talkie Sid. (Obwohl er es zu Beginn in seiner Wut einfach auf der Straße entsorgt hatte. Er schnappte dadurch die seltsamsten Gespräche von Passanten auf, die sich am Müllkorb unterhielten. Was, ganz nebenbei bemerkt, ungefähr so legal ist, wie sich während des Autofahrens zu bücken. Wirklich garnicht.) Dieser hatte sich daraufhin, entweder um seine Freundschaft unter Beweis zu stellen, oder um Mort an Verrücktheit zu übertreffen, geweigert, seiner Einladung zur Party nachzukommen. Mort hatte zwar, davon nicht ungerührt, versucht Sidney doch noch dazu zu überreden, aber der hatte den Beschluss gefasst, Victoria dafür später privat zu beschenken.
„Genau.“, pflichtete Mort ihm schließlich bei, als Sidney, während ich euch auf den Stand der Dinge gebracht habe, seine Gefühle gegenüber Victoria und Mädchen im Allgemeinen Ausdruck verliehen hatte. Die zentrale Aussage seiner trotzigen Rede war wohl gewesen, „Brauchen wir nicht“, und dem konnte Mort im Augenblick wirklich nicht widersprechen.
„Auf uns!“, sagte Sidney laut und erhob seine Tasse mit Bai Mu Dan-Tee.
„Auf die Kiste!“, fiel Mort ein und erhob sein Glas mit Coke, woraufhin das Coke sich weiter erhob und über den Glasrand hinaus auf den Tisch schwappte. Schnell breitete er eine Serviette darüber aus und sie stießen an. (Gemäß jedem Benimmratgeber, der nach Beginn dieses Jahrtausends erschienen ist, ist das nun auch mit nichtalkoholischen Getränken erlaubt. Im Gegensatz zur geheimen Überwachung öffentlicher Plätze und dem Bücken während des Autofahrens, denn das ist ist und bleibt streng verboten und wird in den größten Teilen der Welt als extrem unhöflich betrachtet.)
Mit seinem Toast bezog er sich auf die Seifenkiste, an der sie gerade arbeiteten, die jedoch, wie ich schon erwähnte, bedauerlicherweise nie das Licht der Welt erblicken würde. Und das hätte die Kiste sehr wohl wörtlich erblicken können, mit ihren zwei digitalen Knopfkameras, von denen eine nach vorne, die zweite auf die Gesichter der Fahrer gezeigt hätte. Ja, es wäre eine verdammt coole Seifenkiste geworden, um noch einmal auf Morts Worte zurückzugreifen, wenn nicht… aber dazu kommen wir leider noch früh genug. Genießen wir erst den langweiligen Teil.
Der Schnee fiel, in kleinen, leichten Flocken, doch er zerschmolz am Boden. Für den Herbst war es zu kalt, und für den Winter zu matschig, aber immerhin Schnee, sagten sich Mort und Sidney. Sie konnten warten. In der Zwischenzeit fingen sie Schneeflocken, und zwar nicht, wie es kleine verweichlichte Kinder tun, mit der Zunge, sondern mit den Augen. Das ist erstens schwieriger und tut zweitens mehr weh.
Die Dekoration kam, die Werbung in Auslagen und im Fernsehen, die Wohltäter, die frühe Nacht, und nacheinander auch die vier Lichtlein am Adventskranz. Weihnachten stand vor der Tür.
Um genau zu sein, standen verschiedene Personen in Kostümen vor der Tür, die Mort überreden wollten, sein Herz für die Bedürftigen zu öffnen. Wobei sie, wie er bald herausfand, eigentlich nicht Herz, sondern Brieftasche meinten. Eine der Personen gab sich tatsächlich als Weihnachten aus; nicht als Weihnachtsmann oder das Christkind, sondern Weihnachten. Mort gab ihm zehn Cent, damit Weihnachten wieder ging.
Das echte Weihnachten war großartig wie immer. Er verbrachte es mit seiner Familie. Wie immer.
„Wer war das, Harold?“, wollte seine Mutter wissen, als er von der Haustür in die Küche zurückkam.
Für alle, die sich über die Geschichten, die sie lesen, so viele Gedanken machen, dass sie sich Dinge fragen wie „Wo wohnt diese ‚Mort-Person’ überhaupt?“, „Wer sind seine Eltern?“, „Wo habe ich gestern aufgehört zu lesen?“, oder ähnliches:
Mort wohnte bei seinen Eltern, Kurt und Kate Mortison, und ich habe sie bis jetzt noch nicht erwähnt, weil sie, sogar für die soweit langweiligen Geschehnisse, irrelevant waren. Ich muss zugeben, dass sie auch jetzt nicht von allzu großer Bedeutung sein werden, aber irgendwann muss ich sie ja mal vorstellen, oder?
„Das war Weihnachten, Mama.“, sagte Mort. Er war es gewohnt, von seinen Eltern beim Vornamen genannt zu werden, obwohl er den Namen nicht ausstehen konnte.
Seine Mutter lachte.
„Und was wollte Weihnachten?“, fragte sie.
„Er meinte, ich müsse mich vor einem großen Unheil in Acht nehmen. Etwas von einer Firma. Und er hat ständig „Inkink“ von sich gegeben.“
Kate sah ihn immer noch amüsiert an, obwohl die außergewöhnliche Vorstellungskraft ihres Jungen ihr manchmal Sorgen bereitete.
„Und was hast du gesagt?“, fragte sie weiter.
„Ich hab gesagt, danke, und auf Wiedersehen.“
Er verfiel in ein Schweigen. Seine Mutter wusste, nach so einer Pause konnte man nie wissen, ob er fortfahren würde oder nicht. Er fuhr fort.
„Er wollte nicht gehen, also hab ich ihm zehn Cent gegeben und die Tür zugemacht.“
„Guter Junge.“, sagte Kate und streute irgend etwas auf die Kekse, das nach Weihnachten roch.
In dem Moment betrat auch Morts Vater, die Küche, mit der Bemerkung, dass es darin nach Weihnachten roch.
„Na, Harold,“, bemerkte er weiter, „wieder in Oblomowerei versunken? O tempora, o mores. Nichtsdestoweniger, wie schon Jean Paul bemerkte: Sprachkürze gibt Denkweite.“
Kurt Mortison war ein gebildeter Mann und zitierte bei jeder Gelegenheit andere Gebildete Leute. Vielleicht in der Hoffnung, dafür selbst auch einmal zitiert zu werden.
Er war auch ziemlich verwirrt, doch das ist bei großen Geistern normal. Schade war nur, dass gelegentlich seine bildungssprachlichen Ausdrücke und Zitate in keinster Weise zur Situation passten oder mit dem, was er erzählte, in Zusammenhang standen. Da die meisten Menschen, mit denen er zu tun hatte, diese jedoch sowieso selten verstanden, war es auch wieder gleichgültig.
„Was?“, fragte Mort. „Wer?“, fügte er hinzu.
Sein Vater lachte kurz und laut.
„O sancta simplicitas! Also,“, antwortete er unpassend auf die Frage seines Sohnes, und wechselte dann, um die Verwirrung zur Perfektion zu treiben, das Thema, „bist du schon aufgeregt, mein kleiner Melomane?“
Mort sah nicht sehr aufgeregt aus.
„Wegen Weihnachten, meine ich.“, erklärte Kurt.
„Oh!“, sagte Mort und wurde etwas aufgeregt,“Ja, schon.“
„Wie ich sine ira et studio behaupten möchte, ich auch.“, tat Kurt seine Behauptung kund.
Nachdem eine Weile lang Schweigen herrschte, sagte er, „Mors certa, hora incerta. Todsicher geht die Uhr falsch, sit venia verbo.“
Damit verschwand er ebenso verwirrend, wie er aufgetaucht war, und schrieb ein Buch.
Mit der fortschreitenden Stunde nam auch der weihnachtliche Geruch von Zimt und verbrannten Tannennadeln im Haus zu. Der Weihnachtsbaum stand geschmückt hell leuchtend über den noch hübscheren Geschenken. Zu alldem akustische Untermalung von José Feliziano und Wham.
Die schönste Zeit im Jahr, möchte man sagen.
An dieser Stelle sei noch eine Warnung dahingestellt.
Es ist wahrlich eine schöne Stelle, Weihnachten, kurz vor der Bescherung, alle sind glücklich, Kakao und Marshmallows. Man stelle sich vor, wie Mort die Geschenke öffnet, sich daran erfreut, und mit seinen Freunden eine wunderbare Zeit in den verschneiten Weihnachtsferien verbringt.
Schließlich maturiert er, studiert vielleicht Betriebswirtschaftslehre oder sonstwas nützliches, heiratet Victoria oder eine reiche Schauspielerin, oder beide, und lebt glücklich bis, sagen wir mal, mindestens 2063.
Langweilig, mag sein. Aber in Ordnung.
Meidet die türkisen Texte. Noch könnt ihr es verhindern, Informationen zu erlangen, die so schrecklich sind, dass sie das Verlangen in euch wecken, euch selbst oder dem Autor dieses Blogs sämtliche Haare auszureißen.
Am selben Weihnachtsabend, der so wunderbar gewöhnlich, langweilig begonnen hatte, starb Morts bester Freund Sidney.
Ein schrecklicher Unfall an Heiligabend, es stand in allen Zeitungen. Tragisch, und merkwürdig, denn niemand schien genau zu wissen, was mit Sidney passiert war.
Eine Zeitung berichtete von einer Lawine, die ihn unter sich begraben hätte; eine andere enthielt einen Artikel über ihn und angebliche Hinweise auf Entführung durch extraterrestrische Gewalten (dieselbe Zeitschrift nannte ihn auch „Disney“ und enthielt unter anderem noch Berichte über Big Foot und Profiwrestling). In den Spätnachrichten im Fernsehen wurde ein umgekippter Baum gezeigt, unter dem Sidney laut ihnen begraben lag; zehn Minuten später unterbrachen sie ihr Programm, um diese Meldung zu widerrufen, und behaupteten dreist, ein Sidney Lawt hätte niemals existiert.
Alles sehr dubios, und nicht zu vergessen, wie schon gesagt, tragisch.
Aus all den Informationen konnte man nur soviel herausfiltern (was halbwegs glaubwürdig erschien); dass ein Junge, der höchst wahrscheinlich Sidney hieß, in den Wald gegangen war, um einen Weihnachtsbaum zu fällen, als er auf die eine oder andere Weise dabei ums Leben kam, doch seine Leiche nie gefunden wurde.
So was versaut natürlich die Stimmung gewaltig. Die gesamte Klasse war die Ferien über mit trauern beschäftigt. Morts Gefühle und Reaktionen kann ich kaum schildern und würde es auch nicht wollen. Jedenfalls lehnte er es ab, aus dem Bett zu steigen und verbrauchte eine erschreckende Menge an Tissues. Drei Nächte lang war er hellwach doch todtraurig, und danach war er zwar nie richtig wach, doch er schlief auch nicht wirklich. Zwei Wochen lang lebte er so in katatonem Stupor vor sich hin – das ist ein psychologischer Fachausdruck der hier soviel bedeutet wie „völlig Ausdruckslos, ohne sich zu bewegen“, ziemlich belämmert also – noch immer, ohne sein Zimmer zu verlassen. Nur allmählich zeigten sich Anzeichen der Besserung in seinem Zustand; er begab sich wieder in die Küche, um zu essen, und verlangte auch immer wieder, dass seine Mutter Sushi für ihn bestellte. Diese hatte natürlich ähnlich wenig Schlaf abbekommen und war froh zu sehen, dass sie ihren Sohn langsam, Tag für Tag, mit Hilfe von Ritalin und rohem Fisch wieder ins Leben und zu ihr zurückholen konnte. Nur wenn ihn irgend etwas an seinen Freund erinnerte, erhielt er einen kurzen kataplexen Rückfall – was noch so ein Fremdwort ist, welches in der Psycholgie ungefähr soviel heißt wie „er begann zu schielen und zu sabbern und fiel anschließend auf den Boden“ – weshalb seine Mutter es für eine schlechte Idee hielt, einen Therapeuten zu konsultieren, der dann womöglich noch in Morts mentaler Wunde herumgestochert hätte.
Das Leben, die Show, wie manche sagen würden, musste weitergehen.
Das Leben, die Show, wie manche sagen würden, musste weitergehen.
Das sagte sich irgendwann auch Mort, und entschloss sich, den Zwerg, der in seinem Daumen wohnte, nicht mehr zu beachten.
Anfangs war er verständlicherweise sehr skeptisch gewesen betrefflich dieses formidablen jungen Mannes, der in seinen Daumen einziehen wollte, da dies das erste Mal war, dass er eines seiner Körperteile vermietete. Aber er konnte das Geld gut gebrauchen. Außerdem, wie er sich zu überzeugen versuchte, schien ihm das winzige Männlein trotz seiner sarkastischen, übellaunigen Art ein ganz umgänglicher Mieter zu sein.
Aus irgend einem Grund zweifelte Mort nie an seinem Verstand. Es lebte also jemand in seinem Daumen, na und? Er musste sich ja nicht mit ihm abgeben, oder sich coram publico mit ihm unterhalten – coram publico bedeutet hier so viel wie „mitten unter Leuten, die ihn für verrückt halten könnten“. Damit versuchte er sich immer wieder zu beruhigen und seine Handelsweise, Geld zu verdienen, zu rechtfertigen. Von diesem hatte er allerdings bis jetzt noch keinen Cent zu sehen bekommen.
„Hör mal,“, sagte Mort, um (wie ihr euch vermutlich schon gedacht habt) den Zwerg dazu zu bringen, ihm zuzuhören, „du hast seit zwei Wochen keine Miete bezahlt. Ich dachte, wir hätten einen Deal!“
Die Stimme des Zwerges war tiefer als man es von so einer kleinen Person erwartet hätte. „Ja. Genau das hab ich auch gedacht.“
Als er bemerkte, dass Mort damit überhaupt nicht zufrieden zu sein schien, fügte er hinzu, „also…?“
Wenn es sein musste, stellte er sich gerne dumm, was er, im Gegensatz zum Besitzer des Daumens, den er sein Zuhause nannte, nicht war.
„Wo ist mein Geld? Ich brauche es wirklich. Heute.“
Das war nicht unbedingt die Wahrheit, aber es konnte nicht schaden, es eher früher zu bekommen als später, oder garnicht.
„Ja. Das Geld. Natürlich. Es ist nur so, weißt du… Ich war der Überzeugung, wir hätten uns auf eine monatliche Auszahlung der Miete geeinigt. Aber es ist schön, einen so jungen Herren so geschäftstüchtig zu erleben.“ Damit, wusste Mort, meinte er so etwas wie „Du bist ein raffsüchtiger Teenager und mir wär recht, wenn du jetzt sterben gehn würdest, lebte ich nicht in deinem Daumen ohne Miete zu bezahlen.“
„Auf was wir uns geeinigt haben, waren eigentlich fünf Euro jeden Tag! Das wären jetzt siebzig Mäuse. Wo ist mein Geld?“ Er fand es schwierig, freundlich zu bleiben.
„Ich weiß nicht. Wo hast du’s denn liegen lassen?“
„Ich meine, wo ist das Geld, das du… du weißt, was ich meine!“
„Ich versuch nicht mal es rauszufinden. Hey, vielleicht hast du es wieder in deinem Ohr vergessen?“
„Was?“, fragte Mort verwirrt.
„Ich sagte, Geiz macht schwerhörig!
Schau an, ich denk da ist ein Sturm im Anzug. Ich bring mal besser die Wäsche rein. Nerv dich später, Kurzer!“
Damit, und mit einem fiesen Grinsen, ging er in Morts Daumen. Mort verstand noch nicht ganz, wie das vor sich ging; jedenfalls schmerzte es nicht, und er hatte sich noch kaum darüber Gedanken gemacht.
Auf die Gefahr hin, besserwisserisch zu wirken und wieder einmal von einer billigen, abgenutzten Redewendung Gebrauch zu machen: Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt, dass es etwas seltsam werden könnte.
Es kommt noch schlimmer.
Die Schule fing wieder an, und für Mort war sie nun verständlicherweise schrecklicher denn je. Er saß als der geschockte, verstörte beste Freund des Verunglückten regungslos auf seinem Platz, zum Teil vorgetäuscht, um mit niemandem reden zu müssen. Es funktionierte; er vereinsamte im gleichen Maße, wie einige andere sich zunehmend zurückhalten mussten, ihn zu verspotten.
In einer Schulstunde, vielleicht war es Geographie, vielleicht Latein gewesen, er wusste es nicht mehr, passierte etwas Erstaunliches. (Das Erstaunlichste seit dem Frühstück, als er mit dem Mann in seinem Daumen über Tapezierung diskutiert hatte.) Er wurde an die Tafel gerufen, mutmaßlich zur Beantwortung irgendeiner sinnlosen Frage, wessen durchzuführen er nicht imstande war. Also stand er da und täuschte einen kataplexen Anfall vor, in der Hoffnung, zum Schularzt geschickt zu werden. Zu seinem Pech war das gegenwärtige Schulfach, wie ihm nun einfiel, Psychologie. Der Lehrer, eine schlaue, aber grundböse Person, musste ihn durchschaut haben, denn er sagte: „Ich habe dich durchschaut! Hör auf deine angeblichen psychischen Schäden als Vorwand auszunutzen, in der Schule geschont zu werden! Beantworte die Frage oder du bekommst ein Minus, wie alle anderen auch!“
„Wir bekommen alle ein Minus?“, fragte eines der Mädchen, das wie Mort des öfteren Probleme aufwies, den Gedanken anderer (und vermutlich auch ihren eigenen) folgen zu können.
Der Lehrer überhörte die Frage geschickt und fuhr unbeirrt fort, von fünf abwärts zu zählen. Er hatte schon früh in seiner Laufbahn entdeckt, wie schön man Schüler damit unter Druck setzen kann.
„Fünf.“, sagte er. Mort blickte in die Reihen seiner Schulkollegen. Ratlosigkeit, auf beiden Seiten.
„Vier.“, sagte der Lehrer, und jetzt bemerkte Mort, dass er zählte.
„Drei.“ Nun fiel Mort ein, wieso der Lehrer zählte.
„Zwei.“ Ihm fiel auch die Frage wieder ein.
„Eins.“ Er überlegte.
Der Lehrer sah ihn kurz an, war sich Morts Versagens sicher und fügte eine weitere kurze Pause hinzu, bevor er die Zunge nach oben bewegte, um das vernichtende „Null“ auszusprechen. Exakt in diesem Moment fiel Mort die Antwort auf die Frage ein.
„Psychoneuroendokrinologie!“, stieß er gehetzt hervor.
Doch wie man leicht erkennen kann, dauert es erheblich länger, „Psychoneuroendrokrinologie“ zu sagen, als „Null“, und das bedeutete, Minus.
„Zu langsam. Minus!“, rief der Lehrer, das Gesicht in der Anstrengung, seine gute Laune zu verbergen, seltsam verzogen.
„Sidney tot, Freund tot, Schock, was auch immer! Ich will es wirklich nicht mehr hören! Du wirst trotzdem lernen müssen, auch mit deinen geistigen Schäden!“
Es war erstaunlich, dass dem Lehrer genau in diesem Moment die Tafel auf den Kopf fiel.
Mort fand es noch erstaunlicher, dass das genau das war, was er sich gewünscht hatte.
Er fühlte sich schuldig, als die Rettung kam, doch er genoss es.
„Was soll ich tun? Das ist nicht normal! Was geschieht mit mir? Wahrscheinlich bin ich doch verrückt!“
Mort unterbrach sich und sah zu dem Mann, der auf einem Liegstuhl zwischen seinem Daumen und Zeigefinger saß und eine winzige Zigarre rauchte.
„Glaubst du, ich bin verrückt?“, fragte er den Zwerg.
Der warf ihm über den Rand seiner Sonnebrille einen Blick zu, der sagte: „Mann, du redest hier mit einem ein Zentimeter großen Kerl, der in deinem Daumen wohnt. Ein psychedelisches BSE-Rind, das an einer öffentlichen Schule in New York unterrichtet, müsste Drogen nehmen, um so verrückt zu werden.“
Mort war nun nicht mehr in ausdruckslosen, seltsamen Haltungen in seinen Tagträumen gefangen, ebensowenig in solchen des Schocks. Ganz im Gegenteil war er aufgeregt, geradezu hyperaktiv, aber immer noch besorgt.
Wie hatte er das gemacht? Für ihn bestand kein Zweifel, dass er die Tafel zu Fall gebracht hätte. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Zufall handelte, war aber auch so in etwa eins zu zehn hoch ziemlich viel. Doch so sehr er sich auch konzentrierte, konnte er nichts und niemanden mit Gedankenkraft zu irgend etwas bewegen. Er starrte einen Ziegel an, der sich nicht bewegte. Der Ziegel fuhr solange fort, das zu tun, bis Mort das Starren aufgab und den Ziegel aus dem Fenster warf. Er verfehlte einen Hund sehr knapp. Nach einer Weile entschied er sich, mit etwas einfacheren zu beginnen, doch er konnte genausowenig den Hund dazu bringen, zu explodieren; eine Feder aus seinem Kopfkissen weigerte sich sogar strikt, sich zu bewegen, obwohl Mort kräftig pustete. Seine Mutter brachte ihm kein Sushi, obwohl er ihr eine halbe Stunde lang Gehirnwellen mit entsprechenden Befehlen durchs Äther schickte.
Er blieb also hungrig und enttäuscht. In einem letzten Verzweiflungsakt seines letzten Bisschens Hoffnung suchte er sämtliche Bücher zu dem relevanten Thema aus der Bibliothek seiner Eltern.
In einem letzten Verzweiflungsakt seines letzten Bisschens Hoffnung suchte er sämtliche Bücher zu dem relevanten Thema aus der Bibliothek seiner Eltern.
Da war Reise in die Psyche von M.G.A. Bangal, das ein Kapitel über Psychokinese beinhaltete, PSI, PSK und andere total komische Sachen von Theodor Beckmesser, und die Definition von Telekinese im Encarta Lexicon.
Letztere behauptete: „Telekinese f. die angebliche psychische Kraft, unbelebte Objekte ohne Gebrauch physischer Einwirkungen zu bewegen oder zu verformen. Telekinetisch adj. …“, und so fort. Das Werk Beckmessers erwies sich als noch weniger hilfreich. Laut dem handelte es sich bei Telekinese um PSK, und wenn man unter PSK nachschlug, fand man 1. Psychokinese und 2. Postsparkasse. Das Sprachniveau des Titels wurde beibehalten, weshalb Mort dieses Buch dem Ziegel folgen ließ. Zufrieden das Jaulen von der Straße vernehmend, nahm er Reise in die Psyche zur Hand.
Fasziniert laß Mort nicht nur das Kapitel, das ihn betraf, sondern gleich das ganze Buch in einem Zug durch. Der Titel mochte einfallslos und das Layout zum davonlaufen sein; der Inhalt war umso fesselnder.
Freilich hatte Harold Mortison sich schon mehrmals über dieses Thema Gedanken gemacht und war aufgeregt, neben vielen neuen Informationen auch einige seiner alten Theorien und Ideen bestätigt zu finden.
Er laß die Einleitung, woraufhin er, ohne es zu bemerken, mit dem ersten Kapitel anfing, anstatt gleich zu Psi zu kommen.
So informierte er sich über den Aufbau seines Gehirns, die Entwicklungsphasen im Leben eines jeden Menschen, über Traumdeutung, Auren und Drogen. Wirklich gefesselt wurde er, als es um außersinnliche Wahrnehmung ging.
Berichte von Menschen, die den Geist eines Freundes oder Verwandten gesehen und später herausgefunden haben, dass ebendiese Person zu ebendieser Zeit verstorben war (hier stiegen Mort kurz die Tränen in die Augen, doch er verdrängte die schmerzlichen Erinnerungen und zwang sich, weiterzulesen); die Rede war von Kommunikation zwischen Geistern, Wahrnehmung mit keinem der uns bekannten Sinne. PSI. Dazu gehörig, fuhr die Lektüre fort, war außerdem noch die Fähigkeit, Dinge und Ereignisse über große Entfernung hinweg zu sehen, zu hören oder zu fühlen, Präkognition und Psychokinese.
Mort erschauderte bei der Beschreibung des Begriffs, denn es war genau, wie er es erlebt hatte. Meißtens verwirrte Teenager (check, dachte Mort), die eine schwere Zeit durchmachen (check), und über eine lebhafte Vorstellungskraft verfügen (check).
Je stärker man sich wünscht, es zu schaffen, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit dafür. Mist.
Das unterbrach seine manischen Vorstellungen von seinem telepathisch gegen eine Wand fliegenden Lehrer.
Er durfte es sich nicht wünschen.
Und, so entnahm er dem Text außerdem, würde es am ehesten funktionieren, wenn er unter großem Druck, Stress oder dem Einfluss starker Gefühle (nicht Drogen, Gefühle) stand.
An dieser Stelle schlief Mort ein, voller Erwartung an den darauf folgenden Samstag denkend, denn er hatte einige Ideen.
Die erste Idee, ein Bild von Victoria anzustarren, um Gefühle hervorzurufen, bis sich vielleicht irgendwann die Vorhänge öffneten oder so etwas in der Art, war eine ziemlich schlechte und langweilige Idee. Es funktionierte nicht, also machte Mort die Vorhänge händisch auf. Anschließend hängte er sich mit den Beinen so im Treppengeländer ein, dass sein Kopf nach unten hing. So erhofft er sich, den zur Psychokinese notwendigen Druck aufzubauen, doch diese Idee war noch um einiges schlechter als die erste und brachte ihm Kopfschmerzen.
Die letzte Idee jedoch, war mit Sicherheit die schlechteste. In Situationen von Stress…
Jeder meiner geneigten Leser wird sofort erkennen können, wieso diese Idee so unsagbar dämlich war, doch all die schrecklichen Ausmaße, die deren Konsequenzen annehmen würde, wird niemand zu fassen in der Lage sein.
Mort fand bald ein Fass, in das er hineinpasste. Es war ein fast leeres Weinfass. Er leerte es vollständig.
Anschließend rollte er es in die Werkstatt, und schraubte an die Innenseite des Deckels einen Holzgriff, sodass man es von dort verschließen konnte.
Als Mort das Fass die Treppe hinaufzerrte, erwägte er, die Sache doch noch einmal zu überschlafen. Schließlich siegten der Wahnsinn und der Wein, und Mort schnallte das Fass umständlich an sein Fahrrad. Das funktionierte erst, als er es mithilfe von Klebeband mit seinem Rücken verband.
Wenn er es tatsächlich überschlafen hätte, wer weiß: all die weiteren unglücklichen Ereignisse hätten niemals stattfinden können; es wäre also dabei geblieben, dass Sidney gestorben war, und Mort hätte früher oder später wieder in den Lauf des Lebens zurückgefunden. Doch Mort überschlief es nicht, und so kam es, wie es kommen musste, nämlich noch schlimmer.
Rachitisch zu Rade verließ er, von seinen Eltern unbemerkt, die Garage. Er hatte wieder keinen Schlaf gefunden, also war er früh aufgestanden, und es dämmerte gerade erst, als er die Auffahrt hinunter rollte. Auch von den Nachbarn sah niemand, wie der Junge mit dem Fass am Gepäckträger nach links abbog und die müden Augen geblendet zusammenkneifend auf die aufgehende Sonne zufuhr. Die Bewohner einiger einzelnen Häuser verschliefen seinen Anblick ebenso, und um sieben, als der Berufsverkehr begann, war Mort längst fern der hektischen Straßen, auf einem matschigen Weg durch den Wald, wo ihn niemand ausgenommen eines kleinen Nagetiers zur Kenntis nahm, und dieses kleine Nagetier wurde kurz darauf von einem etwas größeren Nagetier totgebissen.
Beim Fluss angekommen löste Mort das Fass von seinem Rücken und dem Fahrrad, stellte es ans Ufer und warf noch einen Blick auf die Sonne, die nun etwas höher stand, hell, doch kalt. Es war immer noch Januar. Das Wasser konnte kaum wärmer sein als vier Grad. Das wurde Mort bewusst, als er in das Fass stieg, den Deckel zuzog und die Ritzen von innen mit Sprühklebstoff abdichtete. Er verwendete eine ordentliche Menge Fugenschaum, denn er wusste, dass er in diesem Wasser nicht lange überlebt hätte.
Glücklicherweise, denn so wurde er, bevor er sich in den Fluss rollen und im Fass den Wasserfall hinunterstürzen konnte, von den Dämpfen des Klebers ohnmächtig und noch am selben Abend gefunden.
Morts Eltern hielten es nun doch für angebracht, einen Experten zurate zu ziehen.
„Ein Kopfdoktor?“, fragte Mort mit großen Augen.
„Der Ausdruck „Psychotherapeut“ wäre wohl ein zu präferierender. Jurare in verba magistri, mein Sohn.“, sagte sein Vater leise.
„Wir glauben, dass du für dich selbst (und für andere) zu einer Gefahr werden könntest, wenn du dich nicht mit deinen Problemen auseinandersetzt.“, fügte seine Mutter kaum subsidiär hinzu, womit sie klientenzentriert psychotherapeutisch betrachtet einen Fehler beging, doch das war völlig ohne Belang.
„Ein Kopfdoktor?“, fragte Mort noch einmal.
„Der Ausdruck „Psychotherapeut“ wäre wohl… Oh! Déjà vu!“
„Das ist total cool! Ich krieg Therapie!“, rief Mort.
Therapie war nicht annähernd so cool wie er es sich vorgestellt hatte. Der Psychiater hielt es für unnotwendig, ihn Tintenflecke analysieren zu lassen, und hypnotisierte ihn nur einmal kurz gegen zwanzig Euro Aufpreis. Die meißte Zeit stellte er jedoch nur langweilige Fragen und zwang Mort dazu, sich einen Garten mit einem bunten Berg vorzustellen. Der Junge konnte keinerlei Sinn darin erkennen.
Dieser Therapeut, der sich Dr. Martinez Bramarbas nannte, war groß und dürr, wie Mort, doch mit weniger Haaren und mehr Brille (eine halbe – das heißt, eine Lesebrille, kein Monokel). Außerdem, fiel Mort auf, schien der Doktor ihn ständig nachzuahmen. Er nahm die gleiche Haltung ein, kratzte sich, wenn Mort sich kratzte, und machte von Zeit zu Zeit von denselben Ausdrücke Gebrauch, die er selbst zuvor verwendet hatte. Dabei stellte er verwirrende Fragen wie „Wo ist dein Platz in der Familie?“, „Fühlst du dich verfolgt?“ oder „Ich darf doch ‚du’ sagen?“, und schrieb dann auf einen Zettel irgendwelche Notizen.
„Hast du viele Freunde?“, wollte Dr. Bramarbas wissen.
Mort war nicht der Meinung, dass das den Doktor etwas anging, doch er antwortete trotzdem. „Ja…“, sagte er, ließ seinen Mund kurz offen, und fügte hinzu: „… das heißt, nein.“
Der Doktor machte eine Notiz.
„Da ist…“, begann Mort wieder, doch es fiel ihm niemand ein. Seit es Sidney nicht mehr gab, hatte er mit niemandem mehr zu tun gehabt.
Der Zwerg, der in seinem Daumen wohnte, fiel ihm ein. Er war nicht wirklich sein Freund, und er wusste nicht einmal seinen Namen. Nichtsdestotrotz beschloss er, Dr. Bramarbas von seinem Untermieter zu erzählen.
Kurz glaubte er, einen ungläubigen Blick hinter der Brille zu erkennen, doch der Doktor fuhr unbeirrt fort.
„Ein Mann wohnt in deinem Daumen?“
„Ohne Miete zu bezahlen.“, bestätigte Mort.
Der Doktot schrieb.
„Ist er jetzt gerade hier?“, fragte er.
„Im Daumen, ja.“
„Kannst du ihn sehen?“
„Nein. Er ist in meinem Daumen.“
Der Doktor schrieb weiter.
„Kannst du mir beschreiben, wie er aussieht?“
„Ich denke schon.“
Mort starrte geradeaus und kratzte sich an der Nase. Der Doktor hörte auf zu schreiben und kratzte sich ebenso.
„Bitte.“, sagte er.
„Ach ja.“, sagte Mort. „Er ist klein. Keine zwei Zentimeter groß. Blond. Die Augen sind zu klein, um die Farbe zu bestimmen. Normalerweise ist er gepflegt, die Haare gekämmt und Anzug und so.“
„Siehst du ihn scharf?“, fragte Dr. Bramarbas.
„Wie meinen?“
„Kannst du auf ihn fokusieren?“
„Solange er still steht. Er ist ziemlich klein.“
„Ja, das hast du erwähnt. Spricht er mit dir?“
„Gelegentlich. Außer, wenn ich mit ihm über die Miete reden will. Dann ist er oft schwerhörig.“, fügte Mort lachend hinzu.
Der Doktor schrieb alles mit.
„Wie klingt das? Hoch? Tief? Melodisch? Monoton?“
Langsam bereute Mort, dass er den Zwergen erwähnt hatte. Ihm wurde langweilig. Mit den Schultern zuckend sagte er: „Ziemlich leise, aber tief. Einmal hat er gesungen.“
„Kannst du ihn spüren?“, fragte der Therapeut weiter.
„Wenn er gerade in meinem Daumen ist, dann nicht. Das würde ja wehtun, nehm ich an. Aber wenn er rauskommt, kann ich spüren, wo er steht.“ Es kam ihm doch recht seltsam vor, nun da er darüber sprach.
Der Doktor machte sich noch mehr Notizen. Dann fuhr er fort: „Kannst du ihn riechen?“
„Sie meinen, ob ich ihn leiden kann?“
„Nein. Ich meine, ob er einen Geruch hat.“
„Ich sag doch,“, sagte Mort, „normalerweise ist er sehr gepflegt. Er duscht sich auch. Fragen sie mich nicht, wo er das Wasser herkriegt.“ Langsam kam er sich sehr dumm vor.
„Okay. Wie fühlst du dich dabei?“
Mort musste grinsen, denn auf diese Frage hatte er gewartet. Das war es, wie er sich Therapie vorgestellt hatte.
„Ein bisschen sauer, schon.“, sagte er.
„Weil er keine Miete bezahlt?“, fragte sein Therapeut.
„Genau.“
„Danke.“, sagte Dr. Bramarbas. Für heute hatte er genug. Er sagte die Siderodromophobie-Gruppenbehandlung am Nachmittag ab und las ein dickes Buch über paranoide Schizophrenie.
Etwas an dem Doktor fand Mort befremdlich. Er wollte zu gerne wissen, was der da ständig über ihn aufschrieb.
Die Therapie fuhr eine Zeitlang fort, ohne dass Mort glaubte, eine Verbesserung in seiner Situation zu bemerken. Er wusste sowieso nicht, wieso er noch zu Dr. Bramarbas gehen musste; er hatte nicht vor, sich noch mehr Verrücktheiten hinzugeben (außerdem war ihm die Sache mit dem Fass immer logisch vorgekommen), und der Mann in seinem Daumen, imaginär oder real, störte ihn ja nicht wirklich. Höchstens, wenn die Waschmaschine lief, dann zitterte sein Daumen.
Mort zeigte das bei Gelegenheit seinem Psychotherapeuten, der das sehr erstaund aufschrieb.
„Wir machen tolle Fortschritte.“, sagte der Doktor am Ende dieser Stunde, und darüber war Mort sehr erstaunt.
„Rein aus Neugier,“, versuchte Mort, „ …was genau schreiben sie da in ihren Notizblock, wenn ich fragen darf?“
Dr. Bramarbas sah ihn verwirrt und mißtrauisch zugleich an, und sagte dann: „Nur ein paar… wissenschaftliche Bemerkungen. Damit ich dich besser behandeln kann.“
„Darf ich es sehen?“
Der Doktor lachte und verabschiedete sich sehr rasch.
In jedem Beruf kann man unterscheiden, ob ihn jemand gut oder schlecht ausübt.
Ein Briefträger zum Beispiel, der ständig zu spät kommt, unfreundlich ist und den Hund tritt wäre als ein schlechter Briefträger zu bezeichnen. Hingegen einen Briefträger, der immer pünktlich ist, höflich grüßt und sich vom Hund beißen lässt, kann man einen guten Briefträger nennen.
Man kann allerdings noch mehr Eigenschaften in einem Beruf unterscheiden. Zum Beispiel gut und böse. Das verwirrende dabei ist, dass die erstere Eigenschaft gleich klingt wie die vorher beschriebene, es aber nicht ist. Es kann nämlich auch gute Briefträger geben, die böse sind.
Ein böser Briefträger, um bei dem Beispiel zu bleiben, liest deine Briefe anstatt sie dir zu bringen, und antwortet dann noch den Absendern mit wüsten Beschimpfungen in deinem Namen.
Und genauso, wie es gute, schlechte, gute und böse Briefträger gibt, gibt es auch solche Bäcker, Förster, Schriftsteller und Hubschrauberpiloten (nur keine Politiker; dreimal dürft ihr raten… die sind alle böse).
Und auch Psychotherapeuten.
Ein böser Psychotherapeut kann dich ziemlich böse beeinflussen. Am schlimmsten ist der gute böse Psychotherapeut. Er kann mit dir alles anfangen, was er will.
Kurzerhand entschloss Mort sich nach einer Therapiestunde, noch länger zu bleiben. Es interessierte ihn brennend, die Notizen von Doktor Bramarbas zu lesen.
Zuerst verabschiedete er sich von der Sekretärin wie immer, verließ die Ordination, und schlich kurz darauf direkt unter ihrem Empfangstisch auf Knien wieder hinein. Dort blieb er in ihrem toten Winkel sitzen. Doch die Tür zu Dr. Bramarbas’ Büro befand sich direkt gegenüber. Wie sollte er die aufbekommen, ohne von der Sekretärin bemerkt zu werden? Der Doktor selbst therapierte gerade eine Siebzigjährige mit chronischer Onychophagie im Behandlungszimmer, stellte also keine Gefahr dar.
Hier erwies sich Morts außergewöhnliche Phantasie als nützlich: schnell hatte er einige Ideen und Pläne in seinem Kopf entworfen. Er musste die Sekretärin irgendwie ablenken. Ein Telefonanruf? Nein, er konnte ja nicht gleichzeitig mit ihr telefonieren und sich an ihr vorbeischleichen. Ein Feuer? Er mochte verrückt sein, aber kein Brandstifter. Ein lautes Geräusch? Schon eher. Es musste ja nur eine ganz kurze Ablenkung sein; wenn sie für einige Sekunden in eine andere Richtung sehen musste, oder sich bücken… Das war wohl die beste Idee: sie müsste sich bücken, wenn ihr etwas auf den Boden fiele. Doch da tat sich das nächste Problem auf: Wie brachte er eines der Dinge auf ihrem Schreibtisch dazu, freiwillig auf den Boden zu fallen? Mort, der ja direkt vor dem Schreibtisch, außerhalb der Sichtlinie der Dame auf dem Boden hockte, schielte nach der Tischoberfläche und entdeckte einen Becher mit Stiften. Das wäre perfekt; die Sekretärin wäre eine Weile lang damit beschäftigt, die Stifte wieder aufzusammeln. Er spielte mit dem Gedanken, vorsichtig mit der Hand nach oben zu langen und den bunten Becher von der Tischkante zu stoßen, doch dabei hätte sie ihn mit Sicherheit bemerkt.
Also kam ihm die gerissene Idee, zwei seiner Ideen zu verbinden.
Er durchsuchte seine Hosentaschen möglichst geräuschlos nach etwas, das schwer genug war, ein Geräusch zu verursachen, wenn es auf den Boden fiel. Er fand etwas sehr, sehr hartes und stellte, als er es aus der Tasche zog, angewidert fest, dass es ein Glückskeks war. Stimmt, die Sache mit dem seltsamen japanischen Humor. Mort hatte vorgehabt, den Keks später zu essen, doch das war vor drei Monaten gewesen. Wenigstens ist er jetzt für irgendwas gut, dachte Mort und warf die beiden steinharten Kekshälften gegen die Eingangstür der Ordination. Es klopfte zweimal leise, doch gut wahrnehmbar. Mort konnte die Sekretärin hinter dem Schreibtisch ja nicht sehen, doch er nahm an, dass das Geräusch ihre Aufmerksamkeit errungen hatte. Ebenso vorsichtig wie blitzschnell angelte er mit seinem Arm den Stifthalter vom Schreibtisch.
Vorsichtig, doch blitzschnell angelte er mit seinem Arm den Stifthalter vom Schreibtisch.
Daraufhin hörte er ein sehr verwundertes Geräusch, das in der Schrift schwerlich wiederzugeben ist. (So in etwa „Hnjwaaa?“) Und bevor Mort überhaupt realisieren konnte, dass sein Plan soweit aufgegangen war, bückte sich die Sekretärin, um die Stifte wieder einzusammeln. Dabei saß er jedoch immer noch vor dem Tisch, weil er nicht schnell genug reagieren hatte können. Die logische Folge daraus war, dass die Dame ihn sah.
Er sah sie an, und sie ihn. Aber nicht lange. In dem Moment, als sie den Jungen so unvermuteterweise direkt vor sich bemerkte, begann sie zu schreien. Doch auch damit hörte sie gleich wieder auf, denn sie war vor Schreck aufgesprungen. Das wiederum war aufgrund des direkt über ihr befindlichen Schreibtisches nicht zur Gänze möglich, und sie schlug sich den Kopf an.
Knock out.
Mort konnte es nicht fassen. Damit wäre das Problem gelöst.
Doch Mort war ganz und garnicht zufrieden. Freilich tat die Dame ihm leid. Ihr etwas zuleide zu tun war nicht, was er im Sinn gehabt hatte. Einen Moment lang glaubte er, sie wäre tot, doch das war natürlich nicht der Fall (das hätte ich ja sonst viel dramatischer ausbauen müssen).
Was nun?
Um das klarzustellen, eigentlich soll man in so einer Situation natürlich unbedingt den Krankenwagen rufen. Damit ist nicht zu spaßen; in Comics und Filmen mit niedrigem Budget und hohem Unterhaltungswert mag ständig jemand als Folge eines Schlages auf den Kopf das Bewusstsein verlieren, doch in der Realität passiert das eher selten. Und wenn, dann ist es, wie gesagt etwas ernstes – die arme Frau könnte eine schwere Gehirnerschütterung, einen Schädelbasisbruch, oder Verletzung der Gehirnrinde davongetragen haben. Ihr Kurzzeitgedächtnis könnte völlig unbrauchbar geworden sein, sie wäre bis an ihr Lebensende labil. Oder tatsächlich tot. Ja, das ist garnicht so abwegig.
Mort jedoch rief keinen Krankenwagen, er verständigte nicht einmal Dr. Bramarbas. Irgendwann werdet ihr, meine geschätzten Leser (sofern ihr diese bleibt), erkennen, dass das eine weitere schlechte Idee war, auch wenn sie zu der Zeit wie eine Gute erschienen sein mag.
Die Tür zum Büro von Dr. Bramarbas stand ihm nun offen.
Der Raum war klein, staubig und dunkel, und natürlich voller Akten irgendwelcher Patienten. (Zu Morts Jugendzeit waren Computer nämlich keineswegs etwas, das jedes Durchschnittsunternehmen besaß; die Akten, Daten, Bestellungen, Rechnungen, die Lieferungs-, Empfangs- und Zahlungsbestätigungen, die Kontoauszüge, Rezepte, Fragebögen, Geheimbotschaften und Drohbriefe wurden damals noch per Hand geschrieben und irgendwo aufbewahrt, oder verbrannt.)
Mort wusste, dass er nicht viel Zeit hatte. Wenn der Doktor seine Therapie beendete und die bewusstlose Sekretärin sah, hatte Mort mehr Ärger als er in all den Jahren mit Sidney hatte anstauen können. Also fing er unverzüglich an, nach seiner Akte zu suchen.
Weihnachten - Zardelli – hier musste er am Ende sein. Er entschied sich, am anderen Ende zu beginnen.
Aachinger - Anderson – das war irgendwie sympathischer. So konnte er in der richtigen Reihenfolge nach dem M für Mortison suchen.
Anderson – Buchweizer, Buchweizer – Dante, und so weiter.
Jung – Kant. Gleich musste das M eingeordnet sein.
Kant – Lawt. Gleich… „Hnjwaaa?“, entfuhr es Mort.
Lawt? Sein Freund, Sidney Lawt? Sein armer dahingeschiedener ehemaliger bester Freund Sid? Mehr als erstaunlich. Er hatte Mort nie etwas davon erzählt, dass er in psychiatrischer Behandlung war. Vielleicht war es ihm peinlich gewesen?
Wieder spürte Mort den Schmerz, als er sich an eine bessere Zeit mit seinem Freund zurückerinnerte.
Ohne sich wirklich darüber Gedanken zu machen oder es zu wollen, öffnete er die Akte. Als Sidney ihn dort von einem Bild anblickte, musste er sich auf den Boden setzen. Das war tatsächlich die Akte von seinem Freund. Weswegen war er hier gewesen? Er war doch geistig völlig… naja, in Morts Hinsicht normal genug. Die Datenblätter und Notizen von Dr. Bramarbas würden Antworten geben.
Doch Mort kam nie dazu, die Akte zu Ende zu lesen.
Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss.
„Mort“, ertönte die Stimme von Dr. Bramarbas, noch bevor Mort sich umdrehen konnte. „Bist du vollkommen durch… äh… hast du nicht mehr alle… nein, äh…“
Es fiel ihm sichtlich schwer, der gelassene, kompetente Psychiater zu bleiben.
„Was hast du Frau Piatnik angetan?“, rief er schließlich.
Dann fiel sein Blick auf die Akte in Morts Hand, woraufhin er vollkommen die Beherrschung verlor.
„Du weißt alles, oder? Wie viel weißt du? Du bist Wahnsinnig! Haha, ha, hahaha, haa!“
„Ich… habe…“, begann Mort.
„Harold, Harold, Harold… du denkst, du wüsstest irgendwas. Dabei verstehst du noch gar nichts. Du weißt noch so wenig. Aber ich versichere dir, was auch immer du schon gelesen hast, ist… Hör auf zu lesen, verdammt!“ Er riss Mort die Akte aus der Hand. Dann schien er irgendwie umzudenken, nachzugeben, und fuhr wieder selbstsicher fort:
„Auf der anderen Seite, was solls. Ich werde dir etwas verraten: Alles, was du herausgefunden haben magst, ist nichts als die Wahrheit!“
Mort entschloss sich zu verschweigen, dass er bis jetzt noch überhaupt nichts herausgefunden hatte. Es ärgerte ihn.
„Und weißt du auch, wieso ich nicht versuche, dich vom Gegenteil zu überzeugen? Ganz einfach, mein Junge… weil dir niemand glauben wird!
Alles, was ich tun muss, ist, einen ärztlichen Bericht zu schreiben, der bestätigt, dass du vollkommen durchgedreht bist, und sogar meine Sekretärin angegriffen hast! Dann kommst du ohne Umwege in die Nervenheilanstalt, bis dir graue Haare wachsen und du an einer Tablette erstickst! Haha, ha, hahaha, haaa!“
Wer war hier wahnsinnig?
„Und ohne das hier wird dir niemand Glauben schenken, nicht mal deine dämlichen Eltern!“
Er fuchtelte mit Sidneys Akte vor Morts Gesicht herum.
Plötzlich begann Mort zu grinsen.
Plötzlich begann Mort zu grinsen.
„Also kann ich es doch“, flüsterte er zu sich selbst.
Im selben Moment hörte Dr. Bramarbas auf zu grinsen und sah zuerst den lachenden Jungen verständnislos an, und dann, völlig perplex, den Ordner, der ohne irgendeine sichtbare Einwirkung seine Hand verließ und langsam davonschwebte.
Mort schnappte zuerst danach.
Er war sowas von gespannt, was darin stand. Was glaubte der Doktor so verteidigen zu müssen? Vielleicht hatten die Informationen etwas mit Sidneys dubiosen Tod zu tun? Nein, bestimmt hatten die Informationen etwas mit Sidneys dubiosen Tod zu tun! Hatte es sich nicht um einen Unfall gehandelt? War Dr. Bramarbas darin verwickelt?
Seine Gedanken überschlugen sich ebenso wie Mort selbst, als er am ungläubigen Psychiater vorbei in das Vorzimmer der Praxis stürzte.
Dann wurde alles erschüttert, als Mort von etwas schwerem getroffen nach hinten kippte und mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Er sah die Sekretärin mit einem sehr dicken Buch über sich.
„Bravo, Frau Piatnik!“, hörte er den Doktor sagen.
Mit Sicherheit haben einige meiner Leser schon des öfteren in Filmen das Innenleben einer psychiatrischen Anstalt miterleben können.
Das meiste davon ist vermutlich frei erfunden und außerdem Blödsinn; natürlich werdet ihr dort kaum Irre finden, die sich für einen Pepsiautomaten halten oder Stundenlang auf dem Kopf stehen und kein Wort sagen. Keinen Michael Jackson, keiner, der Angst vor ungeraden Zahlen und Licht hat, keine gespaltene Persönlichkeit und keinen, der pausenlos Perry Rhodan zitiert. Nicht einmal einen Borderliner oder Pyromanen.
Die Wahrheit ist, soviel kann ich euch an diesem Punkt verraten, vielmehr folgende: In diesen von der Öffentlichkeit abgeschirmten Anstalten werden hauptsächlich jene Leute inhaftiert, die sich mit einem Psychiater oder dessen Freunden und Verbündeten angelegt haben.
Das ist ein wenig übertrieben; natürlich gibt es auch in jenen Zeiten der Korruption ehrbare Individuen und sogar Anstalten, die sich tatsächlich um die Heilung und Lebenshilfe psychisch Kranker kümmern. Doch leider sinkt ihre Zahl beständig.
Das musste auch Mort selbst erfahren.
Graue Kittel. Kleine Pillen ohne Wirkung. Ausdruckslose Gesichter auf Seiten der Ärzte wie der Insassen. Es war schrecklich, fand Mort. Er hielt es nicht mehr aus. Wenn er niemanden von seiner geistigen Gesundheit überzeugen konnte, musste er abhauen.
Er kam nicht weit, da eine aufmerksame Glastür seine Flucht verhindern konnte.
„Es ist das beste für dich, mein Schatz“, meinte Morts müde Mutter, doch das stimmte nicht. „Du bist doch erst seit zehn Minuten hier. Bestimmt wird es sehr angenehm.“ Das stimmte auch nicht. Es war alles andere als angenehm, und sie waren erst seit sieben Minuten hier. Beide brachen in Tränen aus und umarmten sich.
„Si tacuisses, philosophos mansisses!“, rief Morts Vater aufgelöst.
Nach der traurigen Verabschiedung fühlte sich Mort völlig allein. Eine freundliche Krankenschwester führte ihn zu einer winzigen Zelle, in der zwei spartanische Betten und ein seltsamer Schrank standen. (Inwiefern der Schrank seltsam war, möchte ich nicht näher erläutern. Die Beschreibung jenen Raumes ist so schon nervenaufreibend genug.) Ein kleines Fenster, passend zum Raum, mit unästhetischen Gitterstäben gab Ausblick auf einen entmutigenden Sumpf und eine höhnische Zugstrecke.
„Harold Mortison.“, sagte die Schwester.
„So heiße ich.“
„Das hier ist dein Zimmer.“
Mort sagte nichts.
„Abendessen gibt es um sechs und um sieben. Danach gibt es einen Film in Aufenthaltsraum 1, Brettspiele in Aufenthaltsraum 2 und imaginäres Turmspringen im Hof. Ich bin Rosa Layne. Dein Zimmergenosse heißt Eugene Brodsky. Wenn du etwas möchtest, wende dich an mich. Hier ist eine Broschüre, die erklärt, was du hier alles nicht tun darfst.“ Sie schien kurz zu überlegen, ob das alles war. „Das war alles.“, sagte sie schließlich und verließ den Raum.
Mort warf die Broschüre und seine Tasche auf das offensichtlich unbenutzte Bett und blieb unschlüssig in der Mitte des Zimmers stehen.
Plötzlich nahm er eine Bewegung in einer Ecke wahr, und erschrak. Die Bewegung in der Ecke erschrak auch.
„Wah!“, machte die Bewegung in der Ecke. Sie stellte sich als eine von einem jungen Mann in der Uniform der Insassen verursachte heraus.
„Guten Tag,“, sagte Mort höflich, „ich heiße Mort.“
Der Mann in der Ecke, der die Bewegung inzwischen beendet hatte, entspannte sich ein wenig. Mort wollte hingehen um ihm die Hand zu geben, doch eine andere Hand hielt ihn zurück.
„Eugene hat Angst vor Händen.“, erklärte der Besitzer der Hand, die auf Morts Schulter ruhte. „Gut, dass du dich vorgestellt hast. Eugene hat auch Angst vor Fremden. Er hat zwar auch Angst vor Namen, aber nicht so sehr wie vor Fremden.“
Mort drehte sich um. Dieser Herr war etwas älter und kam Mort seltsamerweise bekannt vor.
„Mort!“, rief der Herr, dem offenbar Mort auch bekannt vorkam.
Dieser konnte ihn jedoch noch nicht einordnen.
„Sie haben dich auch? Das ist schrecklich, ganz schlecht!“, fuhr der nichtsdestoweniger fort. Dann verlor sich seine Stimme in unverständlichen Selbstvorwürfen und Flüchen.
Mort war verwirrt. „Woher kennen wir uns denn?“
„Verzeihung, Verzeihung. Du wirst dich nicht mehr erinnern. Mein Name ist Weihnachten. Ich habe dich zu Weihnachten besucht. Ich konnte damals kurz von hier ausbrechen und habe versucht dich zu warnen… umsonst, wie man sieht… doch es war nicht deine Schuld!“, beteuerte er schnell.
Mort erinnerte sich nun.
„Oh! Weihnachten!“ Als sehe er einen alten Bekannten wieder.
Die Person in der Ecke zitterte.
„Lass uns woanders weiterreden.“, meinte Weihnachten, „Eugene hat Angst vor Gesprächen.“
Beim hinausgehen flüsterte er Mort zu, „Er ist der einzige hier, der wirklich… nicht ganz… du weißt schon. Außerdem vertraut er den Ärzten hier. Eine grobe Torheit. Das heißt, er würde uns sofort verraten.“
Inzwischen sprach er in normaler Lautstärke, da sie sich nun auf einem menschenleeren Korridor befanden.
Mort hatte eine Menge Fragen.
„Ich habe eine Menge Fragen,“, begann er hoffnungsvoll, doch er wurde unterbrochen.
„Moment. Noch ist es nicht sicher.“
Also trottete Mort still durch die kargen Korridore hinter dem Herren, der sich Weihnachten nannte, her. Hin und wieder passierten sie andere Insassen, die Mort mit ernsten Mienen zunickten. Ab und zu passierten sie eine der Schwestern, möglicherweise immer die gleiche (schwer zu sagen), oder einen Arzt.
Dann betraten sie eine der Zellen, und Weihnachten schloss die Tür.
„Jetzt?“, fragte Mort.
„Noch einen Moment, junger Mann. Kurze Erläuterung. Das hier ist mein Zimmer, das heißt ich teile es mit Horace. Er ist einer von uns. Im Moment überwacht er die Ablenkungsmanöver der verdeckten Vermessungstechniker im Hof. Hoffen wir, dass er gesund zurückkehrt.“
„Okay,“, begann Mort erneut. Er hatte jetzt noch ungefähr zehn neue Fragen. Doch Weihnachten schien es eilig zu haben.
„Sieh her.“, sagte er und öffnete seinen Schrank. Es war so gut wie nichts darin – auf den ersten Blick. Dann entfernte Weihnachten den Boden im Schrank, der garkein Boden war. Darunter lagen einige Zettel in allen größen und Farben, auch ein oder zwei Fotos.
„Das hier ist sehr wichtig. Die Betreiber dieser Anstalt wissen nicht, dass ich es besitze. Doch es wird uns helfen, hier rauszukommen!“
Was hatte er erwartet, fragte Mort sich. Das hier war eine Irrenanstalt. Natürlich waren hier alle vollkommen plemplem. Doch woher wusste dieser Irre Morts Namen? Vielleicht ein voyeuristischer Irrer, ein Stalker?
„Woher wollen sie das wissen?“, fragte er trotzdem weiter.
„Steht alles hier drin.“ Weihnachten zeigte auf die Zettel im Schrank.
„Schön.“, sagte Mort, der jetzt genug hatte, „Könnten sie mir jetzt wohl einen Moment zuhören? Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon sie sprechen und verdammt viele Fragen.“
„Versteht sich.“
Wieso heißen sie Weihnachten? Hat Eugene vor allem Angst? Wovor wollten sie mich damals warnen? Woher scheinen sie mich so gut zu kennen? Wer sind „wir“, wovon sie ständig sprechen? Wieso gibt es verdeckte Vermessungstechniker in einer Irrenanstalt?
Mort wollte so viele Antworten. Doch er bekam, so muss ich euch leider mitteilen, keine einzige. Er kam noch nicht einmal dazu, mit den Fragen zu beginnen.
Denn genau in diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Zimmer und Weihnachten schlug die Schranktür zu. Eine der Schwestern kam herein (eventuell dieselbe von vorher) und bat Weihnachten, mitzukommen. Sie schenkte Mort keine Beachtung.
Der alte Mann warf dem Jungen einen verzweifelten Blick zu und folgte ihr hinaus.
Die Tür fiel wieder zu und Mort fühlte sich sehr alleine. Und dumm. Er hatte keine Ahnung, was hier gespielt wurde.
Neugierig und nervös öffnete er also den Kasten und hob irgend einen der Zettel auf. Es war ein Zeitungsbericht, der von einem von Aliens entführten Jungen namens Disney handelte. Mort kannte ihn. Den Jungen, sowie den Bericht. Er nahm einen weiteren Zettel. Es schien ein gewöhnlicher Brief an eine Tante Sylvia zu sein. Dann ein Kochrezept für gefüllten Kapaun. Enttäuscht stellte Mort fest, dass es sich bei einem Großteil der Zettel um solch nichtssagende Schriftstücke handelte. Ein unscharfes Foto zeigte einen umgestürzten Baum. Ein Stadtplan einer Mort unbekannten Stadt. Die Bestätigung der Verlegung einer Ilse Wyndat ins Krankenhaus von Prag. Und ganz unten, am tatsächlichen Boden des Schrankes, ein detailierter Plan eines Gebäudes im Schrägriss.
Es sah aus wie ein professioneller Blueprint, auf den jemand mit Bleistift einige Notizen und Linien eingetragen hatte. Einige Punkte markierten offenbar Personen, die Pfeilen in eine bestimmte Richtung folgten. Wie es Mort langsam dämmerte, ein Plan ebendieser Anstalt, in der er sich befand. Ein Fluchtplan.
Das war also so wichtig und geheim. Ließ jedoch mindestens so viele Fragen offen wie zuvor. Vielleicht sollte er besser warten, bis Weihnachten zurückkehrte. Was, wenn der wirre Typ recht hatte? Konnte es sein, dass Sidney noch am Leben war? Wenn der Inhalt dieses Schrankes der einzige Weg war, hier rauszukommen und Morts besten Freund zu finden?
Auf jeden Fall der einzige, es herauszufinden.
Also verbarg Mort die Zettel wieder dort im Kasten, fügte den doppelten Boden ein, schloss den Kasten und versuchte, den Rückweg zu seiner Zelle zu finden, um dort auf Weihnachten zu warten (die Person, nicht den Tag).
Doch Weihnachten kam und kam nicht (die Person sowie der Tag). Nur Eugene saß ständig auf seinem Bett oder in der Ecke, je nachdem, wovor er gerade größere Angst hatte.
Um sechs Uhr erinnerte sich Mort daran, dass nun laut der Schwester das Abendessen serviert wurde, und machte sich wieder auf den Weg, um den Speißesaal zu finden. Es hätte sich ruhig jemand um ihn kümmern können, fand Mort. An solch einem seltsamen, lieblosen Ort war er noch nie gewesen. Außer… nein, nicht einmal mit der Schule war das vergleichbar.
Das Essen war passend zum Ambiente.
Weihnachten konnte Mort im Speißesaal nicht entdecken. Es gab ja noch eine zweite Sitzung um sieben.
„Verzeihung,“, sagte ein unbekannter grauhaariger Mann mit augenscheinlich einer Woche Schlafdefizit, „ist dieser Platz noch frei?“
Das war der Platz neben Mort in der Tat, und Mort hatte keinen Grund, etwas ande
