Archiv für die Kategorie ‘Mort’
Die erste Idee, ein Bild von Victoria anzustarren, um Gefühle hervorzurufen, bis sich vielleicht irgendwann die Vorhänge öffneten oder so etwas in der Art, war eine ziemlich schlechte und langweilige Idee. Es funktionierte nicht, also machte Mort die Vorhänge händisch auf. Anschließend hängte er sich mit den Beinen so im Treppengeländer ein, dass sein Kopf [...]
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In einem letzten Verzweiflungsakt seines letzten Bisschens Hoffnung suchte er sämtliche Bücher zu dem relevanten Thema aus der Bibliothek seiner Eltern. Da war Reise in die Psyche von M.G.A. Bangal, das ein Kapitel über Psychokinese beinhaltete, PSI, PSK und andere total komische Sachen von Theodor Beckmesser, und die Definition von Telekinese im Encarta Lexicon. Letztere [...]
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“Was soll ich tun? Das ist nicht normal! Was geschieht mit mir? Wahrscheinlich bin ich doch verrückt!" Mort unterbrach sich und sah zu dem Mann, der auf einem Liegstuhl zwischen seinem Daumen und Zeigefinger saß und eine winzige Zigarre rauchte. “Glaubst du, ich bin verrückt?", fragte er den Zwerg. Der warf ihm über den Rand [...]
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Die Schule fing wieder an, und für Mort war sie nun verständlicherweise schrecklicher denn je. Er saß als der geschockte, verstörte beste Freund des Verunglückten regungslos auf seinem Platz, zum Teil vorgetäuscht, um mit niemandem reden zu müssen. Es funktionierte; er vereinsamte im gleichen Maße, wie einige andere sich zunehmend zurückhalten mussten, ihn zu verspotten. [...]
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Das Leben, die Show, wie manche sagen würden, musste weitergehen. Das sagte sich irgendwann auch Mort, und entschloss sich, den Zwerg, der in seinem Daumen wohnte, nicht mehr zu beachten. Anfangs war er verständlicherweise sehr skeptisch gewesen betrefflich dieses formidablen jungen Mannes, der in seinen Daumen einziehen wollte, da dies das erste Mal war, dass [...]
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So was versaut natürlich die Stimmung gewaltig. Die gesamte Klasse war die Ferien über mit trauern beschäftigt. Morts Gefühle und Reaktionen kann ich kaum schildern und würde es auch nicht wollen.
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Am selben Weihnachtsabend, der so wunderbar gewöhnlich, langweilig begonnen hatte, starb Morts bester Freund Sidney. Ein schrecklicher Unfall an Heiligabend, es stand in allen Zeitungen. Tragisch, und merkwürdig, denn niemand schien genau zu wissen, was mit Sidney passiert war. Eine Zeitung berichtete von einer Lawine, die ihn unter sich begraben hätte; eine andere enthielt einen [...]
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An dieser Stelle sei noch eine Warnung dahingestellt. Es ist wahrlich eine schöne Stelle, Weihnachten, kurz vor der Bescherung, alle sind glücklich, Kakao und Marshmallows. Man stelle sich vor, wie Mort die Geschenke öffnet, sich daran erfreut, und mit seinen Freunden eine wunderbare Zeit in den verschneiten Weihnachtsferien verbringt. Schließlich maturiert er, studiert vielleicht Betriebswirtschaftslehre [...]
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Der Schnee fiel, in kleinen, leichten Flocken, doch er zerschmolz am Boden. Für den Herbst war es zu kalt, und für den Winter zu matschig, aber immerhin Schnee, sagten sich Mort und Sidney. Sie konnten warten. In der Zwischenzeit fingen sie Schneeflocken, und zwar nicht, wie es kleine verweichlichte Kinder tun, mit der Zunge, sondern [...]
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Sidney war empört. “Unglaublich! Erst dich nicht einzuladen, und dann auch noch eine auf Tierschützerin zu machen! Woher sollte ich denn wissen, dass sie es abartig findet, wenn Krokodile sterben müssen um zu Taschen verarbeitet zu werden! Sie muss mir doch wirklich nicht gleich die Geldtasche nachwerfen! Wird ja wohl ein bisschen Überheblich, was glaubt…" [...]
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Er kaufte ein Walkie-Talkie-Uhren Set mit den Rest seines Vermögens. Voll funktionsfähige Walkie-Talkies in der Größe von Armbanduhren, arbeitend auf dem Frequenzbereich des Bandes 70cm UHF 446 MHz – zugelassen in fast allen Ländern Europas. Mort konnte es kaum weniger interessieren, welche Länder das waren. Wichtig war nur, dass laut Beschreibung auf dieser Frequenz niemand [...]
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“Dann schlag du jetzt was vor.", bot Mort seinem Freund an. “Gut.", meinte er. “Gut.", wiederholte Mort. Eine Minute lang gingen sie einfach nur im Einkaufszentrum im Kreis, um nicht zu stehen. “Also?", fragte Mort nach, “wo willst du hin?" Sidney war mit seinen Gedanken sichtlich weit von der ursprünglichen Frage entfernt und zeigte verwirrt [...]
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Eine halbe Stunde später wollten sie sich, jeder um hundert Gramm Sushi schwerer und zwanzig Euro leichter, wieder auf den Weg machen. Doch der japanische Kellner kam noch einmal angelaufen, ein kleines Tablett in der Hand. “Moment,", sagte er, “nehmen Glückskeks." “Glückskeks? Ist das nicht chinesisch?", meinte Mort. “China, Japan, alles gleich. Ich mag Glückskekse.", [...]
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In den darauf folgenden Wochen erbarmte sich die Zeit und verging etwas schneller. Mort hatte jetzt einhundertdreiundneunzig Euro gespart, aber noch keine Ahnung, was er Victoria davon kaufen würde. Dadurch wurde das Geld allmählich weniger, weil er es nach und nach für diverse Viktualien ausgab. Sieben Tage vor ihrem Geburtstag, Anfang Dezember, traf er sich [...]
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Am nächsten Morgen war Mort sehr sehr müde, und dass die Leiche am Boden seines Zimmers sich in einen Haufen von Kleidung und sehr alter Essensreste verwandelt haben zu schien, konnte seine Stimmung auch kaum heben. Es war Sonntag, und er musste wieder in die Stadt fahren, um zu arbeiten; außerdem hatte er eine erschreckend [...]
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Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Er hatte Angst. Neben ihm lag eine Leiche. Schweißgebadet versuchte er die letzten unglaublichen Momente zu reflektieren, doch es fiel ihm schwer. Da waren langsame, keuchende Geräusche vor der Zimmertür gewesen. Sie kamen näher. Jemand stand da draußen. Wer war es? Wer kommt um Mitternacht und schlurft? Er [...]
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Am schlimmsten, fand Mort, waren seine fantastischen Abenteuer jedoch, wenn er versuchte, einzuschlafen. Oft kam es ihm wie Stunden vor, manchmal waren es auch welche. Die langweiligsten Stunden überhaupt. Ihm wurde geraten, seine Gedanken wie einen Fernseher abzustellen, doch er konnte die Fernbedienung nicht finden. Leider hing Morts mentaler Fernsehapparat ständig auf einem Sender fest, [...]
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Inzwischen war Mort an der Bushaltestelle angekommen, und er sah den Bus kommen, als er keine Idee mehr hatte, wie seine Geschichte weitergehen hätte können. Er stieg ein, durchsuchte seine Taschen nach dem Wochenticket und befürchtete, es verloren zu haben. Nach tagelangen Untersuchungen von Jeans und Tests mit Menschenaffen weiß ich nun, dass er mit [...]
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Dann erwachte Mort, blinzelte, sah auf die Uhr und packte langsam seine Sachen. Auf dem Heimweg überlegte er kurz, was er Victoria von dem Geld kaufen würde, dann vermischten sich wieder Traum und Realität, während seine Beine ihn in somnambuler Sicherheit zur Busstation beförderten. Aus den Augenwinkeln (wo er seiner Meinung nach noch immer so [...]
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Ein Grizzlybär erschien vor der Tür und versuchte, den Laden zu betreten. Er war zu groß. Er erwischte nur drei Italiener, die zu nahe am Eingang standen. Aufgrund der Nichtexistenz des Interesses an Verlust seines Arbeitsplatzes, das ja daher kam, dass er Geld für Victorias Geschenk dringend brauchte, musste Mort sich trotzdem einen Weg überlegen, [...]
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Am nächsten Tag, es war ein Samstag, musste Mort in einem kleinen Laden in der Altstadt als Ferienjob arbeiten, um Geld für ein Geburtstagsgeschenk für Victoria zu verdienen. Ja, das mag romantisch klingen, aber in Wirklichkeit ist so etwas doch eher peinlich, zumal ihn die Betroffene immer wieder freundlich, aber bestimmt abservierte. So erschien es [...]
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Mort hasste, wie sein bester Freund Sidney und die meisten anderen auch, die Schule. Dafür wussten sie dieselbe allerdings zu vermeiden, oder zumindest, wie man sich die Zeit dort erträglich machen konnte. Vermieden werden konnte sie auf die verschiedensten Arten. Zum Beispiel einfach nicht hinzugehen, was ihnen jedoch ausnahmslos Ärger einhandelte, oder auch indem sie [...]
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Mort war also ein so unsäglich normaler Mensch, dass wohl niemand auch nur im Entferntesten über die Erwägung eines Gedankens daran, ein Buch über ihn zu schreiben, nachgedacht hätte. Doch wie sehr wäre, meine lieben Leser, so eine langweilige Schwarte der Geschichte, welche diese hier noch zu werden droht, vorzuziehen. Es mag langweilig sein, aber [...]
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Mort war ein überdurchschnittlich normaler 16jähriger. Soweit die gute Nachricht. Wenn einem oder zwei meiner werten Leser dieser erste Satz gefallen hat, dann möchte ich für sie auf hunderte amüsanter Jugendromane verweisen, die ich ihnen empfehlen könnte. Vielleicht nicht wirklich empfehlen, aber dennoch als nervenschonende Alternative für Langweiler vorschlagen.
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Wenn mich das Leben eines gelehrt hat, dann das: Immer, wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, verpasst man den Bus. Martinez Bramarbas
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